Kooperatives Lernen

Lesekompetenzförderung

Das zentrale Medium in der Wissensgesellschaft und auch in der Schule ist der Text. In Auseinandersetzung mit der PISA-Studie hält Ulf Abraham fest, dass die SchülerInnen jeder Schulform (!) den zielbewussten, selbstgesteuerten Umgang mit Texten erlernen können (vgl. Abraham 2004, S. 216).

von Ludger Brüning

Diese ermutigende Feststellung bedeutet für die Lehrerinnen und Lehrer, dass sie die Lernenden dahin führen, ihren Lernprozess flexibel nach Leseabsicht und Art des Textes selbst steuern zu können. An dieser Stelle setzen kooperative Texterschließungsstrategien an. Kooperative Texterschließungsstrategien verbinden den individuellen Akt des Lesens (Konstruktion) mit der kooperativen Reflexion über den Text (Ko-Konstruktion), aber auch über das Lesen selbst, sodass die SchülerInnen zu kompetenten Lesern werden können (vgl Brüning/Saum 2006, S. 21).

Lesen heißt noch nicht VerstehenVerstehen entsteht erst durch eine bewusste und aktive Interaktion zwischen den Lesenden und einem Text. Der erfolgreiche Lesende „konstruiert“ gleichsam den Sinn des Textes individuell neu. In der Auseinandersetzung mit anderen wird diese Sinnkonstruktion einer Revision unterzogen. Im Austausch werden individuelle Verstehensprobleme, diskursiv gelöst und so der Zugang zum Text intensiviert. Das Kooperative Lernen bietet deshalb einen geeigneten Rahmen für diese Lernprozesse.

Reziprokes LernenDie komplexeste Form der kooperativen Texterschließungsstrategien ist das auf Palinesar und Brown (1984) zurückzuführende reziproke Lesen. Sie gehen davon aus, dass vor allem der Austausch über den zunächst individuell gelesenen Text und die Anwendung von Lesestrategien für die Entwicklung von Lesekompetenz entscheidend sind. Dabei werden nach der individuellen Lesephase vier Handlungen in den Mittelpunkt der Kooperation gestellt, die sich für das Verstehen von Texten sowohl in der Forschung als auch im Unterricht als bedeutsam erwiesen haben (vgl. Baurmann/Müller 2003, S. 18):

  1. Fragen stellen,
  2. Textinhalte zusammenfassen,
  3. schwer verständliche Textstellen klären und
  4. vorhersagen, was im nächsten Abschnitt kommen wird


Langfristiger Kompetenzerwerb
Das reziproke Lesen verlangt von den Gruppenmitgliedern viele unterschiedliche Kompetenzen. Zunächst müssen die SchülerInnen über die für eine fruchtbare Kooperation in Kleingruppen notwendigen sozialen und personalen Kompetenzen verfügen (vgl. Brüning 2004, S. 20ff.) Darüber hinaus sind die oben beschriebenen vier Handlungen als Kompetenzen zu verstehen, die bei den SchülerInnen angebahnt und weiter entwickelt werden müssen.

Die SchülerInnen sollten mit einfachen kooperativen Texterschließungsstrategien beginnen und im Verlauf ihrer Schullaufbahn mit zunehmend komplexeren Strategien vertraut gemacht werden.

Das paarweise VorlesenDie einfachste kooperative Arbeitsform ist das paarweise Vorlesen. Dabei liest eine Schülerin einem Schüler den ersten Textabschnitt leise vor. Der Zuhörer muss im nächsten Schritt das gehörte mit eigenen Worten paraphrasieren. Die Schülerin prüft, ob die Zusammenfassung den Textinhalt angemessen wiedergibt.

Anschließend wechseln die Rollen und der nächste Abschnitt des Textes wird gelesen und besprochen usw. Bei dieser Technik liegt das Augenmerk darauf, dass die SchülerInnen aufmerksam zuhören und zusammenfassen.

Wechselseitiges Lesen und ErklärenIn der Klasse sitzen immer zwei SchülerInnen nahe beieinander. Einige Paar tauschen sich augenscheinlich in Flüsterlautstärke über einen Text aus, während andere SchülerInnen über ihr Arbeitsblatt gebeugt sind und alleine lesen. Dabei verändern die Arbeitspaare immer wieder ihr Verhalten. Phasen des stillen Lesens wechseln sich mit leisen Diskussionen ab, ohne dass die Lehrerin hier eingreift. Die meisten SchülerInnen arbeiten direkt mit den Texten, umkreisen oder verbinden Wörter auf ihrem Arbeitsblatt, machen Randnotizen oder schreiben Einzelheiten heraus, um dann wieder mit dem Partner zu sprechen, ihm einen Abschnitt zu paraphrasieren oder eigene Assoziationen mitzuteilen.

Insgesamt ist im Unterricht eine sehr ruhige und konzentrierte Atmosphäre zu spüren. Die Fachlehrerin kann ihre SchülerInnen genau beobachten, muss aber auffallend wenig eingreifen oder helfen.

„Meine Schüler können das nicht!“In Fortbildungen ist mitunter zu hören, dass diese oder jene SchülerInnen die kooperativen Lesestrategien nicht umsetzen könnten. Diese Einschätzung mag für den Augenblick zutreffend sein. Aber: Die SchülerInnen sind eben deshalb in der Schule, damit sie jeden Tag etwas dazu lernen. Was sie zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht beherrschen, können sie vielleicht wenige Wochen später bereits sicher umsetzen. Entscheidend ist, dass die Lesestrategien auch tatsächlich im täglichen Unterricht eingesetzt werden. Sie müssen „handlungsrelevant“ sein, um Wirksamkeit zu entfalten. Das bedeutet, dass wir als Unterrichtende die verschiedenen kooperativen Texterschließungsstrategien immer wieder und in unterschiedlichen Zusammenhängen und Variationen und eben auch in unterschiedlichen Fächern einsetzen müssen.

Auszüge aus: Lernende Schule 33-2006

Den kompletten Text gibt es als pdf zum Download.

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