Kooperatives Lernen

Leistungsbewertung

Gemeinsam eine Aufgabe bearbeiten, Ergebnisse festhalten und vortragen – das Lernen im Team ist elementarer Bestandteil eines modernen Unterrichts. Aber wie soll es bewertet werden? Darf ein Gruppenergebnis zur gleichen Bewertung für alle führen, auch wenn das Engagement der einzelnen SchülerInnen sehr unterschiedlich verteilt ist? Anregungen für jeden Lehrer und die Fachkonferenz.

von Ludger Brüning und Tobias Saum

Unter Kooperativem Lernen ist eine Unterrichtsgestaltung zu verstehen, in der die bekannten Formen des Unterrichts mit neuen so kombiniert werden, das möglichst alle SchülerInnen im Unterricht mental aktiviert werden. Das Grundprinzip des Kooperativen Lernens ist der Dreischritt „Einzelarbeit – Kooperation – Präsentation“. Da die Schüler in allen drei Phasen Leistungen erbringen, stellt sich auch die Frage nach ihrer Bewertung.

Wenn sich die Deutschkonferenz entscheidet, das Kooperative Lernen einzuführen, dann sollte sie nach einiger Zeit auch über die Bewertung der verschiedenen Phasen des Kooperativen Lernens beraten und Absprachen dazu treffen.

EinzelarbeitWenn Du Dir dann ein Bild darüber verschaffen möchtest, was die/der einzelne SchülerIn in dieser Phase leistet, kannst Du ihre/seine Notizen einsammeln und bewerten. Um die Leistung der/des Einzelnen einzuschätzen, kannst Du beim Kooperativen Lernen auch die anderen bekannten Formen nutzen (schriftliche Leistungsüberprüfungen, mündliche Mitarbeit im Unterricht, Lern- und Lesetagebücher, Portfolios, Protokolle etc.).

Leistung der Kooperationsphase bewertenWenn Du einen Einblick in die Leistungen während der Kooperation bekommen möchtest, dann schlagen wir vor, eine Gruppe mit einem Beobachtungsbogen gezielt zu beobachten. Dadurch kannst Du im Verlaufe eines Schuljahres sehr differenzierte Einsichten in die Leistungsfähigkeit der SchülerInnen bekommen.

Neben den fachlichen kannst Du auch die kommunikativen Kompetenzen beobachten. Ihre Beobachtungen kannst Du übrigens auch zur Diagnose des Lernstands der SchülerInnen nutzen und den weiteren Unterricht entsprechend gestalten. Achte darauf, bei der Beobachtung nicht in die Gruppenarbeit einzugreifen.

Leistungen der Präsentationsphase bewertenWir empfehlen, die präsentierten Ergebnisse zunächst in einer Lernschleife reflektieren zu lassen. Der Lehrer kann aber auch erst nach der Ergebnissicherung einzelne SchülerInnen dazu auffordern, noch einmal den Erkenntnisprozess und die Ergebnisse zu wiederholen, und diese Leistung gezielt zu bewerten: „Warum haben wir uns für die Schlüsselbegriffe entschieden? Wie beurteilst Du die Auswahl vor dem Hintergrund des Textes?“ Die Leistung der Erarbeitung und der Wiederholung liegen auf unterschiedlichen kognitiven Niveaus, daher können beide Situationen zu Prüfungssituationen gemacht werden. Erarbeitungssituationen sollten allerdings auch immer wieder nur Lernsituation sein und nicht bewertet werden.

SchülerInnen bewerten ihre LeistungenSelbstgesteuertes Lernen verlangt von den SchülerInnen, ihre eigenen Leistungen beurteilen zu können, um dann die Kompetenzen gezielt zu erweitern. Lerntagebücher oder Reflexionen nach einer Einzelarbeit sind hier, vor allem in Verbindung mit Beurteilungsrastern, sinnvoll einsetzbar. Allerdings setzt die Arbeit mit Bewertungsrastern voraus, dass die dort aufgeführten Kriterien von den SchülerInnen verstanden sind und das die SchülerInnen ausreichend Abstand zur eigenen Arbeit gewonnen hat.

Leistungsbewertung wird so zu einem Lerninstrument, das zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den eigenen Kompetenzen, aber auch mit denen der Gruppenmitglieder führt. Aus Erfahrung mit der Schreibkonferenz wissen wir, dass SchülerInnen nur selten die Texte ihrer MitschülerInnen hinsichtlich ihrer Stärken und Schwächen umfassend zu beurteilen vermögen. Unterrichtspraktisch bedeutet dies vor allem für die Arbeit in Gruppen, dass...

  • nur einzelne Textelemente von den SchülerInnen beurteilt werden sollten, zum Beispiel nur Einleitung oder Zusammenfassung
  • nur ausgewählte Kriterien in den Blick genommen werden. (ist der Satzbau der Textform angemessen? Werden die eingeführten Konjunktionen richtig angewendet?)

Soziale und kommunikative LeistungenIn der Phase der Kooperation leisten nicht alle SchülerInnen gleich viel. Daher muss die Kooperationsphase immer wieder zum Gegenstand intensiver Reflexion gemacht werden.

In den sozial-kommunikativen Kompetenzbereich lassen sich aber keine Produkte bewerten. Hier kann nur der Prozess der Kooperation selbst in den Blick genommen werden. Hilfreich sind dabei Instrumente zur Selbst- und Fremdbewertung, mit denen die SchülerInnen die eigenen sozialen Fähigkeiten und die der Mitglieder ihrer Gruppe beurteilen. Die Beurteilungen der SchülerInnen können der Lehrperson als Ergänzung ihrer eigenen Beobachtung dienen.

PräsentationenAuch Ergebnispräsentationen im Plenum können von den MitschülerInnen bewertet werden. Bereits in der Grundschule verfügen die SchülerInnen über ausreichende Beurteilungsmaßstäbe, um die Beiträge in der klasse zu urteilen. Eine Kultur der Schülerrückmeldung ist hier sehr lernwirksam. Klassen, in denen die/der Unterrichtende ihre/seine SchülerInnen immer wieder auffordert, am Ende einer Schülerpräsentation eine Rückmeldung zu geben, entwickeln innerhalb weniger Jahre eine ganz hervorragende Beurteilungskompetenz.

Mit Kriterienrastern arbeitenDamit die SchülerInnen Beurteilungsraster wirklich verstehen, ist es sinnvoll, sie an der Entwicklung zu beteiligen. Wenn Kriterienraster aus Zeitgründen nicht mit den SchülerInnen erarbeitet werden könne, können sie auch vorgegeben und gemeinsam besprochen werden. Werden die Leistungen genau beschrieben, können sich die SchülerInnen bei der Arbeit und auch bei der gegenseitigen Rückmeldung daran orientieren. Dadurch bleiben die SchülerInnen mit ihrem Produkt nicht alleine, sondern bekommen ein distanziertes Urteil von einer/m MitschülerIn. Der einzelne Fachlehrer kann so viele individuelle Rückmeldungen, schon aufgrund der Fülle von Schülerarbeiten, kaum leisten.

Die Aufgabe der FachkonferenzEs ist die Aufgabe der Fachkonferenz, Grundsätze zur Leistungsbewertung festzulegen. Wenn die Fachkonferenz entschieden hat, kooperative Lernformen im Deutschunterricht zu nutzen, dann sollte sie sich auch darüber verständigen, wie diese bewertet werden können. In der Einführungsphase empfehlen wir, aus Einzel- und Gruppenarbeit grundsätzlich keine Prüfungssituation zu machen, sondern sie als reine Lernsituation nicht zu bewerten. Die SchülerInnen müssen viele Fähigkeiten einüben, bis sie erfolgreich kooperieren können, und dafür brauchen sie den entsprechenden Raum. Danach kann man dann nach und nach einzelne der vorgeschlagenen Instrumente zur Bewertung in der Einzel- oder Gruppenarbeit zu nutzen. Die Fachkonferenz sollte sich darüber abstimmen, wo hier Schwerpunkte gesetzt werden sollen und sich dann regelmäßig über ihre Erfahrungen austauschen.

Auszüge aus: Deutschunterricht 4-2009

Den kompletten Text gibt es als pdf zum Download.

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